Team-Coaching in Krisenregionen

Menschen und Teams in komplexen Stressituationen

In Krisen- und Konfliktregionen unter hohem Druck zu arbeiten, kann sehr belastend werden. Nicolien, Coach und Trainerin, beschreibt, wie sie Projektteams in solchen Extremsituationen professionell begleitet – mit einem Fokus auf Stressbewältigung, Selbstführung und Teamstabilisierung.

Einschätzung der Ausgangslage 

„In den letzten zehn Jahren habe ich regelmäßig Projektteams in Krisenregionen begleitet – Teams, die oft über Monate hinweg unter massivem Stress arbeiten.

Was mir dabei immer wieder aufgefallen ist: Körperliche und mentale Gesundheit werden zwar thematisiert, aber selten konsequent unterstützt. Dabei ist es essenziell, dass die Mitarbeitenden wissen, wie sie sich selbst stabilisieren können – und Methoden zur Stressregulation aktiv anwenden.

Nur so gelingt es ihnen, auch in komplexen oder eskalierenden Situationen flexibel, wirksam und klar handlungsfähig zu bleiben“.

In einem angespannten und komplexen Umfeld mental und emotional fit zu bleiben, ist nicht nur eine Frage der persönlichen Sicherheit, sondern auch die Voraussetzung dafür, effizient arbeiten zu können, Probleme zu lösen, umsichtig zu entscheiden und unvorhersehbare Herausforderungen zu bewältigen. Verlässliche soziale Beziehungen und ein geübter Umgang mit Stress spielen hierfür eine entscheidende Rolle.

Einführung von Stress-Management als Basis

Neuere Erkenntnisse zeigen: Das menschliche Nervensystem schaltet bei Bedrohung unmittelbar vom Zustand von Ruhe und Offenheit in den Abwehrmodus – Kampf oder Flucht – um. Dieser automatische Schutzmechanismus hilft, überwältigenden oder traumatischen Ereignissen zu entkommen. Bleibt die Überforderung bestehen, fährt der Körper schließlich seine Empfindungen herunter und erstarrt.

Als Trainerin und Beraterin beginne ich Teamcoachings deshalb mit der genauen Beobachtung körperlicher, emotionaler und mentaler Stressanzeichen. Mit entsprechender Schulung lassen sich diese Symptome gut erkennen. Anschließend vermittle ich Methoden, die Teammitglieder aus Zuständen von Hypererregung oder Erstarrung herausführen.

So lernen sie, ihren Stress selbstständig zu regulieren und sich gegenseitig zu unterstützen. Sobald das individuelle Nervensystem wieder zur Ruhe kommt, können Menschen wieder aufeinander zugehen, sich verständigen und überlegt handeln.


Coaching mit hoher Flexibilität und situativer Kompetenz 

Beispiel:
Team-Coaching in Libyen

Das Coachen von Teams, die in Konfliktregionen und unter anhaltendem Stress arbeiten, habe ich nicht während meiner Coachingausbildung gelernt. Es reicht auch nicht aus, sich vorab über die Einsatzregion zu informieren – vielmehr erfordert die Arbeit vor Ort eine schnelle Analyse der Lage, kreatives Denken und situationsgerechte Methoden.

Ich habe als Coach über längere Zeit lokale, zivilgesellschaftliche Organisationen in Libyen begleitet, die Opfer von Gewalt unterstützten. Besonders während der über einjährigen militärischen Belagerung von Tripolis, veränderten sich die Leistungsfähigkeit und das Arbeitsverhalten des Teams deutlich.
Die Sozialarbeiterinnen und Psychologen wechselten auf telefonische Beratung von zu Hause aus um, wodurch die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwammen. Dies führte zu häufigen Erschöpfungszuständen und Abwehrreaktionen, auf die ich mein Coaching und Teamtraining gezielt anpassen musste.

Ich produzierte kurze Videoclips auf Arabisch, die die Gruppenaufgaben oder individuelle Interventionen zum Thema Selbstregulierung, Verbindung und Zusammenarbeit enthielten. Sobald Internet und Strom verfügbar waren, arbeiteten die Teammitglieder mit den Informationen und ihren Aufgaben in einer ihnen angemessenen Zeit und Form.
Eine Gruppe traf sich regelmässig zu Besprechungen in einem Auto, eine andere hielt ihre Meetings im Morgengrauen ab, während die Milizen in der Nachbarschaft schliefen. Der Fokus lag dabei stets auf der Frage: Was läuft gut, was müssen wir tun, um noch effektiver zu werden? Diese Struktur half ihnen, in Verbindung zu bleiben und ihre Möglichkeiten, sich kollektiv zu schützen und sich sozial zu engagieren, weiterzuentwickeln und zu nutzen.

Kontextorientierung des Coaching-Ansatzes 

Da sich jede Person, jedes Team und selbst die Kontexte voneinander unterscheiden, ist ein individueller Ansatz elementar für die Art meines Coachings und Consultings – sei es für  Organisationen, Teams oder Einzelpersonen. Zum Beispiel veränderte sich mein Vorgehen als Moderatorin zur Feinabstimmung von Arbeitsprozessen während der Covid-19 Pandemie deutlich. Es war offensichtlich, dass neben dem kognitiv-verbalen Teil meiner Moderation, eine Selbsthilfemethode zur Tiefenentspannung des Körpers (TRE) Sinn machen würde. Diese Kombination ermöglichte den Teammitgliedern, sich gehört zu fühlen und ihre Verbindung zum eigenen Körper und ihrem Team zu stärken. Dadurch funktionierte der kognitive Teil der Meetings auch wieder zügig und effektiv.

Beispiel: Begleitung einer Team-Evakuierung aus Afghanistan

Der Ansatz zur Tiefenentspannung passte jedoch in keiner Weise zur Begleitung eines deutschen Evakuierungsteams in Afghanistan, das ich 2021 supervidierte. In der Notfallphase musste jeder rund um die Uhr wachsam und verfügbar sein. Es gab keinen Raum für Gespräche oder für das Erlernen einer neuen Methode zur Stressreduktion. Der kollektive Fokus des Teams lag auf dem Überleben ihrer afghanischen Arbeitskollegen. Sobald der erste Druck nachließ, führte ich das Team dann alle zwei Tage durch die TRE-Sitzungen zur Entspannung hindurch. Das funktionierte gut. Die Teammitglieder berichteten, dass sie wieder besser schliefen, hungriger wurden, ihr Körper sich besser entspannen konnte und sie auch soziale Kontakte wieder aufnahmen.

Sobald die Spannung oder der Konflikt nachlässt, ist es jedes Mal eine Freude, wie sich Menschen verändern und ihr Leben, ihre Tätigkeit wieder selbstbestimmt gestalten. Das ist die Belohnung als Teamtrainerin und Coach: Zeuge zu sein, wie Teams wachsen und sich weiterentwickeln.

 






Nicolien
ist internationale Moderatorin, Team-Coach, Personal-Coach und Stressmanagement-Trainerin. Durch ihre Ausbildung als Arabistin wird sie häufig im Nahen Osten und in Nordafrika eingesetzt. Sie ist spezialisiert auf Organisations- und Teamentwicklung sowie auf Stressmanagement in Teams. Seit 2023 affiliiert mit CoachingExpats.
Kontakt: info@coaching-expats.org

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